„Wohnraum ist mehr als ein Dach über dem Kopf.“
Melanie Tindall-Jahn von der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit (FOL) im Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Garmisch-Partenkirchen
Melanie Tindall-Jahn arbeitet für die die Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit (FOL) im Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Garmisch-Partenkirchen. Sie berichtet, dass die Problematik drohender Obdachlosigkeit längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Betroffen seien insbesondere ältere Menschen und Alleinerziehende. Sie ist dankbar, dass die Zugspitz Region GmbH Aufmerksamkeit für die Thematik schafft.
Frau Tindall-Jahn, was genau ist die Aufgabe der FOL?
Unsere Arbeit beginnt oft dort, wo Menschen nicht mehr weiterwissen. Wir unterstützen dabei, drohende Obdachlosigkeit zu verhindern oder bestehende Situationen zu lösen. Das kann zum Beispiel bei einer Kündigung, Räumungsklage oder Räumungstermin sein. Unser Ziel ist immer: Menschen sollen ihr Zuhause behalten oder möglichst schnell wieder eines finden. Es geht um Stabilität, Sicherheit und Würde.
Wie präsent ist das Thema drohende Obdachlosigkeit in einer Region wie Garmisch-Partenkirchen, die viele als wohlhabend wahrnehmen?
Sehr präsent –mehr, als viele denken. Die Problematik ist häufig unsichtbar, sie spielt sich im Hintergrund ab. Aber wir erleben, dass immer mehr Menschen betroffen sind. Die Zahl der Räumungsklagen und Räumungstermine nimmt aktuell von Jahr zu Jahr zu. Besonders oft sehen wir ältere Personen: Ein Partner verstirbt, die Wohnung wird zu groß, die Rente reicht nicht mehr aus – und eine kleinere, bezahlbare Wohnung ist schlicht nicht zu finden.
Trifft es vor allem sozial Schwächere?
Nein, das ist ein großes Missverständnis. Das Problem ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir beraten zunehmend Menschen, die arbeiten, ein regelmäßiges Einkommen haben – und trotzdem keine bezahlbare Wohnung mehr finden. Die Mietpreise passen vielerorts einfach nicht mehr zu dem, was Normalverdiener sich leisten können.
Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Die Attraktivität unserer Region spielt dabei eine große Rolle, wird an dieser Stelle ein Stückweit zum Verhängnis. Tourismus, Landschaft, gute Arbeitsmöglichkeiten – all das macht die Zugspitz Region begehrt. Gleichzeitig führt das dazu, dass Wohnraum knapp wird. Viele Wohnungen werden als Ferienunterkünfte oder Zweitwohnsitze genutzt oder stehen leer und stehen dem regulären Markt kaum zur Verfügung. Es ist Paradox: Viele Menschen, die in ihrer fernen Heimat eine Wohnung haben, ziehen dort weg, weil sie keine Arbeit finden. Dann kommen sie zu uns und finden hier zwar Arbeit, aber keinen bezahlbaren Wohnraum. Dieses Spannungsfeld spüren wir jeden Tag.
Gibt es Situationen, in denen Sie keine Lösung mehr anbieten können?
Ja, leider. Es kommt vor, dass wir Menschen raten müssen, die Region zu verlassen – vor allem dann, wenn keine Verwurzelung hier besteht, sie also nicht hier aufgewachsen sind oder Familie hier haben. Das fällt uns nicht leicht, aber manchmal gibt es schlicht keine Alternative mehr, weil der Wohnungsmarkt so angespannt ist. Wenn es dann doch zu einer Notsituation und drohender Obdachlosigkeit kommt, der Mensch aus seiner Wohnung ausziehen muss, ohne eine Anschlusswohnung zu haben, dann können wir manchmal Notunterkünfte anbieten, um Obdachlosigkeit zu verhindern. Diese Notunterkünfte sind leider oft auch dauerbelegt, da diese Menschen logischerweise auch keine andere Wohnung finden. Es ist einfach ein Kreislauf.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?
Zunächst einmal brauchen wir ein Umdenken. Ich kann verstehen, wenn Vermieter ihre Wohnungen zum Bestpreis vermieten möchten. Würde wohl jeder von uns genauso tun. Aber wir sollten uns fragen, welche Anreize es geben kann, Wohnraum dauerhaft an Einheimische, an Familien, an Pflegekräfte oder Erzieherinnen zu vermieten. Und wenn es solche Anreize nicht gibt und sie auch nicht geschaffen werden können, dann ist auch die öffentliche Hand gefragt. Gemeinden müssen aktiver werden, neue Lösungen schaffen und Verantwortung übernehmen.
Wie bewerten Sie Initiativen wie „Wohnraum schaffen“?
Ich bin sehr dankbar, dass sich die Zugspitz Region GmbH dem Thema annimmt. Es betrifft uns alle – direkt oder indirekt. Nur wenn mehr Aufmerksamkeit entsteht, kann sich auch wirklich etwas bewegen. Wohnraum ist ein Grundbedürfnis, so wie Nahrung und Kleidung und ist die Basis für die gesellschaftliche Teilhabe. Und wir sollten alles daransetzen, dass Menschen hier nicht nur arbeiten, sondern auch leben können.